Read Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa by Hans Mommsen Online

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Hans Mommsen schildert die einzelnen Bausteine und Etappen, die zur Kulmination der nationalsozialistischen Verbrechen gef hrt haben....

Title : Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa
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ISBN : 3835313959
ISBN13 : 978-3835313958
Format Type : Paperback
Language : Deutsch
Publisher : Wallstein Auflage 4 3 Januar 2014
Number of Pages : 473 Pages
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Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa Reviews

  • Oliver Steffen
    2019-02-14 18:04

    Im Folgenden soll es nicht darum gehen, den Inhalt des Buches detailliert zu besprechen. Vielmehr soll diese Besprechung als ein wichtiges Korrektiv zu einer anderen Rezension gesehen werden, in welcher versucht wird, in geschichtsrevisionistischer Manier die Holocaust-Interpretation von Hans Mommsen mittels aus dem Zusammenhang gerissener Zitate dazu zu benutzen, den Holocaust gleichsam als einen "Unfall" darzustellen und vor allem Hitlers zentrale Verantwortung zu negieren. In diesem Zusammenhang wird auch die eindeutig geschichtsrevisionistische Behauptung zu reaktivieren versucht, wonach Hitler möglicherweise gar nichts vom Holocaust gewusst habe. Im Folgenden nun also: 1. Eine Historisierung und kurze Darstellung samt Bewertung von Mommsens Position; 2. eine Richtigstellung des teilweise falsch rezensierten Inhalts von Mommsens hier vorliegendem Text; 3. eine Auseinandersetzung mit der Hitler-Exkulpation.1.) Im Hinblick auf die Frage nach der Genesis des Holocaust war die Forschung jahrzehntelang bestimmt durch den Antagonismus zwischen den sogenannten intentionalistischen und den sogenannten funktionalistischen Forschungsansätzen. Erstere richteten ihren Blick auf die antisemitische NS-Ideologie und die Rolle Hitlers; hier wurden die maßgeblichen Triebkräfte der NS-Judenverfolgung verortet. Die Funktionalisten demgegenüber sehen den Holocaust als das Ergebnis einer unsystematischen und chaotischen Entwicklung der nationalsozialistischen Judenpolitik, ohne dass hierbei die Ermordung aller Juden schon von vornherein intendiert gewesen wäre. Beispielhaft für diese unterschiedlichen Interpretationen sind die Ansichten von Gerald Fleming und Hans Mommsen: Mommsen negiert die Existenz eines solchen Planes, einer konsequenten Vernichtungsintention in der Politik der Nazis und eine strategische Judenpolitik der Nazis überhaupt. Er weist auf den improvisierten, chaotischen, komplexen Charakter dieser Politik seit 1933 hin, die sich durch 'Ad-hoc'-Entscheidungen auszeichnete. Der Holocaust war nach dieser Lesart das Ergebnis bzw. die Eskalation einer solchen Politik. Mommsen möchte bei der Beurteilung der Genesis des Holocausts den Blick von Hitler weg und stärker auf die vielen Institutionen richten, die an diesem Prozess einer sukzessiven Radikalisierung beteiligt waren. Hitler war mit seinen vagen antisemitischen Äußerungen für Mommsen zwar der 'ideologische Urheber' des Holocaust, aber die Kulmination dieser Judenfeindschaft in den millionenfachen Völkermord könne nur vor dem Hintergrund der für das NS-System charakteristischen Aufsplitterung des Entscheidungsprozesses auf mehrere, miteinander konkurrierende Instanzen erklärt werden. Durch die Vielzahl der beteiligten Personen, Gruppen und Instanzen sei es vor dem Hintergrund unklarer Ziele und dem Wetteifern dieser Gruppen zu improvisierten, situativen Entscheidungen in der 'Judenfrage' gekommen, was zu einer Radikalisierung der Verfolgung geführt habe. Dementsprechend erklärt sich für Mommsen der unstete und kontingente Prozess der Verfolgung. Hitler sei darüber hinaus lediglich die Rolle zugefallen, die an ihn herangetragenen Initiativen zu billigen und zu legitimieren, darüber hinaus seien seine vagen ideologisch-propagandistischen Impulse erst durch die bereitwillige Aufnahme von eilfertigen Männern und Institutionen mörderische Realität geworden. Auf diese Weise erscheint der Holocaust als das zufällige Ergebnis solcher Radikalisierungsprozesse; durch bestimmte Maßnahmen (wie die Entrechtung und Isolierung der Juden) habe man sich in dieser Frage immer neue 'Probleme' selbst geschaffen, deren Lösung am Ende Vernichtung hieß. Der ideologische Faktor wird also zugunsten des strukturellen marginalisiert. (vgl. auch Mommsen, Die Realisierung des Utopischen. Die "Endlösung der Judenfrage" im "Dritten Reich", in: Geschichte und Gesellschaft 1983, S. 381-42, v.a. 416).Historiker und Holocaust-Experten wie Ian Kershaw, Ulrich Herbert, Peter Longerich, Richard Evans und nicht zuletzt der wohl anerkannteste Holocaust-Forscher, Saul Friedländer (dessen Gesamtdarstellung "Das Dritte Reich und die Juden" (vgl. meine Rezension dazu) wohl das beste ist, was es über den Holocaust zu lesen gibt) verweisen darauf, dass diese Deutung nicht unumstritten sei; vielmehr geht der Konsens dahin, hervorzuheben, dass Hitler an vielen zentralen Entscheidungen stark beteiligt war und die wichtigsten Eskalationsphasen des Holocaust mit initiiert habe. Mommsen ist zurecht von anderen Forschern vorgeworfen worden, die ideologischen Antriebskräfte hinter dem Völkermord zu sehr zu marginalisieren (vgl. als Forschungsüberblick nur Kershaw, Der NS-Staat, S. 152 ff.) Auch Mommsens Ansatz, auch nach Ende 1941, als sich Pläne für eine - gleichwohl zwingend mörderische - "Umsiedelung" der Juden hinter den Ural als nicht mehr praktikabel erwiesen, habe es keinen umfassenden Mordplan gegeben, wird SO von der übrigen Holocaust-Forschung nicht geteilt:In diesem Zusammenhang sei folgendes hervorgehoben: Es gilt vor allem darauf hinzuweisen, dass die Darstellung der NS-Judenpolitik als völlig improvisiert und von "zufälligen" Entwicklungen geprägt zu weit geht: Dass es das Ziel Hitlers und der NS-Führung seit 1933 war, auf eine "Entfernung" der Juden in der einen oder anderen Weise hinzuwirken - daran kann ebenso wenig ein Zweifel bestehen wie an der zentralen Rolle der radikal-antisemitischen NS-Ideologie dabei. Die Juden waren für die Nazis keine Menschen und aus ihrer Sicht verantwortlich für die größten "Unglücke" der jüngeren Geschichte. Dass mit der Zeit und im Zusammenhang mit gescheiterten Vertreibungsplänen und der Radikalisierung des Krieges dieser Radikalantisemitismus des Nationalsozialismus zu einer mörderischen Eskalation der antijüdischen Politik führen musste - das erscheint durchaus folgerichtig und daher alles andere als zufällig. Überdies wird oft vergessen, dass ein Eroberungskrieg gegen Osteuropa bereits früh zumindest vage in Aussicht genommen wurde. Dort lebten aber viele Millionen Juden. Was mit diesen passieren würde, konnte von vorn herein nicht auf eine "friedliche Koexistenz" hinauslaufen. Das bis 1941/42 (vermutlich) zu konstatierende Fehlen eines genauen PLANES zur restlosen Vernichtung aller Juden ist nicht zu verwechseln mit der spätestens seit 1939 zu erkennenden Bereitschaft, auch massenmörderische und langfristig genozidale Maßnahmen gegen die Juden in Erwägung zu ziehen und erste Schritte hierzu einzuleiten.Nicht nur hatte Hitler bereits am 30. Januar 1939 bekanntermaßen die Vernichtung der Juden im Falle eines neuen Weltkrieges angekündigt, auch begann sich, wie Dieter Pohl (der wohl beste Kenner der NS-Vernichtungspolitik und des Holocaust) der Völkermord im Grunde bereits im Zuge der "Neuordnungspläne" Polens nach 1939 abzuzeichnen: Ein großer Teil der Juden, so überlegte man sich in Berlin, sollte in ein enges, unwirtliches "Reservat" in Polen gepfercht werden. Pohl: "Schon hier ist die Absicht eines langfristigen Genozids offensichtlich: Im "Reservat" sollten die Opfer an den schlechten Lebensbedingungen zugrunde gehen, die damals noch lebende würde die letzte Generation der Juden sein." (Pohl, Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit, S. 65). Dieser "Plan" erwies sich jedoch aus logistisch-organisatorischen Gründen als nicht durchführbar, und so suchte man nach anderen Alternativen. Der Völkermord war also noch nicht beschlossen, die Bereitschaft, völkermörderische Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, um das selbst geschaffene "Judenproblem" zu "lösen", war jedoch bereits da. Es ging im Grunde "nur" noch um die Konkretisierung. Darauf verweist auch der vom Rezensenten skizzierte Madagaskar-Plan, der ebenfalls auf ein intendiertes Massensterben der Juden hinausgelaufen wäre, aus ähnlichen Gründen wie die "Reservats-Idee" aber nicht durchgeführt werden konnte. Selbiges gilt für die Pläne, die Juden "hinter den Ural" (oder, was man auch erwog, in die "Eismeerregion") zu "verbringen." Die Pläne für diese Politik hatten mit einer "Unterbringung" aber nicht das Geringste zu tun. Auch bei dieser Politik hätte die Juden nichts als der sichere Tod erwartet. Spätestens seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion jedoch begann der Völkermord systematische Dimensionen anzunehmen - die sich dann rasch ausweiteten. Allgemein geht man davon aus, dass eine Vernichtung der Juden bereits seit Ende 1941 klar und eindeutig avisiert war. Ein lange ausgearbeiteter PLAN lag zwar nicht vor, aber FAKTISCH hatte der Völkermord bereits begonnen. (vgl. auch Pohl, a.a.O., S. 81 - Pohl ist der wohl beste Kenner der Holocaust-Forschung und sein Buch die beste Einführung in das Thema, das ich kenne)Das Scheitern aller übrigen "Alternativen" sorgte dafür, dass eine "endgültige" völkermörderische "Lösung" nun bereits IM KRIEG ins Auge gefasst wurde. Von Herbst bis Dezember 1941, so heben Saul Friedländer und Richard Evans hervor, verstärkten sich die genozidalen Äußerungen in der NS-Fürhungsriege (Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels sprachen ganz offen von der "Notwendigkeit" einer biologischen Vernichtung der europäischen Juden; Adolf Hitler bekräftigte im Dezember, dass mit dem Kriegseintritt der USA nunmehr die "Vernichtung der Juden" folgen müsse, da "die Juden" dahintersteckten. Die Entscheidung, die deutschen Juden in den Osten zu deportieren, kalkulierte laut Evans bereits bewusst den Tod der Deportierten ein. In dieser Zeit wurde auch der Massenmord mittels Gas erwogen und erprobt, um eine "endgültige Lösung des Judenproblems" zu gewährleisten. Im Oktober erging ein Verbot, die Juden aus Deutschland auswandern zu lassen, weil diese nun auch in eine "Endlösung" einbezogen werden sollten. Dies wie auch das vermehrte genozidale Vokabular hoher NS-Führer führt Evans zu der Annahme, dass bereits im Oktober/November 1941 die Weichen auf eine Politik gestellt wurden, welches als "Endziel" die "biologische Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa" (A. Rosenberg im November) zum Ziel gehabt habe (Evans, Das Dritte Reich. Krieg, S. 306, 323-333; Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden, Bd. 2, S. 307-315, 751). Ob dafür ein direkter "Befehl" Hitlers nötig war bzw. ob es diesen gegeben hat, was Mommsen bezweifelt, ist unklar; Friedländer und Christian Gerlach (Krieg, Ernährung, Völkermord) sehen eine solche "Entscheidung" in Hitlers Rede vom 12.12. 1941 (gleich unten noch näher zu zitieren). Dass es aber im Dezember einen eindeutigen Umschwung hin zu einer eindeutig auf restlose Vernichtung ausgerichteten Politik gegeben hat - das ist extrem wahrscheinlich - und Mommsens Deutung daher unwahrscheinlich. Und spätestens seit Mitte 1942, mit den reinen Vernichtungslagern in Treblinka, Sobibor und Belzec, mit dem Beginn der systematischen Ermordungen in Auschwitz-Birkenau, mit dem Beginn der massenhaften Deportationen aus den meisten Ländern Europas und mit den erneuten und anhaltenden Massakern in Ost- und Südosteuropa war der Holocaust ohnehin Realität.Die Frage nach dem Entscheidungsprozess für den Holocaust erscheint allerdings heute weniger wichtig als früher, da die Holocaustforschung herausgearbeitet hat, dass der Übergang zu Massakern und totaler Vernichtung in den verschiedenen Regionen unterschiedlich voranging; in Ostgalizien (Ostpolen bzw. heutige Westukraine) früher als im Generalgouvernement; in Osteuropa insgesamt früher als in West- und Mitteleuropa). In diesem Zusammenhang relativiert sich sowohl die Annahme, es habe relativ früh einen zentralen, allgemeinen "Befehl" gegeben, generell alle Juden zu ermorden, als auch die These, der totale Vernichtungscharakter sei bis 1942 zugunste weiterer Vertreibungspläne offen gewesen. De facto hatte jedoch der Massenmord bereits Ende 1941 eine Dimension erreicht, dass von da an eine Politik in Richtung auf eine nicht-mörderische Judenpolitik (etwa eine "Umsiedelung" mit Lebensperspektive für die Juden) völlig utopisch war. In der Nazi-Führung störte das natürlich niemanden. Ich halte es für wahrscheinlich, dass im Dezember 1941 allen klar war, dass die Vernichtung der Juden ein "totales Ganzes" sein würde; darauf verweist ganz klar Hitlers Rede vom 12.12.1941.2.) Hier nur einige Richtigstellungen zu Mommsens Text und deren Bewertung durch den Rezensenten:Der Rezensent zitiert Mommsen dahingehend: ""'Es besteht Einigkeit in der Forschung, dass es einen umfassenden Befehl zur Durchführung der totalen Liquidierung nicht gegeben hat.' (S. 10)- Hier wird der Satz beendet, bevor er von Mommsen beendet worden IST, also absichtlich verkürzt. Weiter schreibt Mommsen nämlich, dass es Entscheidungen Hitlers zu TEILschritten der Vernichtungspolitik gegeben hat und sich mit dem Krieg gegen die Sowjetunion "in der NS-Führungsriege" die Vorstellung durchgesetzt habe, "dass die Judenvernichtung und nicht die bevorstehende Zerschlagung der Sowjetunion das eigentliche Kriegsziel darstellte.""Nachdem sich mehr und mehr Juden auf Grund der antisemitischen Gesetze gezwungen sahen, Deutschland zu verlassen, erhoffte sich Hitler die 'Lösung der Judenfrage' von der freiwilligen Ausreise."- Ein Euphemismus für das Programm, dass auch Mommsen darstellt: Vertreibungen, Demütigungen, Terror, Diskriminierung, Ausgrenzung. Das hat nichts mit einer "frewilligen Ausreise" zu tun.Die Vernichtungspolitik begann zwar tatsächlich erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion, doch unterschlägt der Rezensent hier die Pläne, die Juden innerhalb des besetzten Polens in ein "Reservat" zu verfrachten; er unterschlägt, dass diese Pläne, ebenso wie der von ihm dargestellte "Madagaskar-Plan" durch die unwirtlichen Lebensbedingungen in den avisierten Gebieten bereits eine Art Vorwegnahme des Völkermordes darstellten (dies hat übrigens auch Peter Longerich in seiner Darstellung "Politik der Vernichtung" betont). Das gleiche gilt - wie oben dargestellt - für die Idee, die Juden hinter den Ural zu verschleppen. Die Juden sollten nicht "untergebracht", sondern verschleppt und ihrem Schicksal überlassen werden. Dies stellt zugegebenermaßen auch Mommsen nicht genügend heraus, doch ist sein Ansatz mit der Realität dieser Politik durchaus vereinbar.Doch wie gesagt, der tatsächliche, systematische Völkermord begann erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Doch auch hier verzerrt der Rezensent - offensichtlich in dem Bestreben, die deutsche massenmörderische Verantwortung zu verschleiern - die Tatsachen und Mommsens Darstellung:Er schreibt, unter Bezug auf die Seiten 137-140, begonnen habe der antijüdische Vernichtungskrieg mit den Pogromen der Einheimischen und mit dem Beginn des Partisanenkrieges sei diese Politik ausgeweitet worden. Ja, mehr noch: Der Rezensent schreibt: "Mit dem vom Kreml befohlenen Partisanenkrieg begannen ab August 1941 DANN auch die vom Reichssicherheitshauptamt aufgestellten Einsatzgruppen DIE ERSTEN [!] Verbrechen an der jüdischen Zivilbevölkerung." [Hervorhebungen von mir]- Das ist so nicht richtig, und letzteres ist sogar eine komplette Falschbehauptung: Bei Mommsen - und weitgehend ähnlich in der übrigen Holocaust-Forschung - steht hingegen, dass die deutschen Einsatzgruppen VON BEGINN AN Massaker an der Zivilbevölkerung und den sowjetischen Juden - zunächst den männlichen - begingen. Pogrome der Einheimischen begannen zwar oft vor dem Eintreffen der deutschen Truppen, dass aber vor allem diese die Träger der Vernichtungspolitik waren und die Pogrome nicht die Ursache dieser Politik, stellt Mommsen an keiner Stelle in Abrede und es geht aus seiner Darstellung auch nicht hervor. Klar ist heute, dass die Einsatzgruppen bereits vor dem Juni 1941 von der RSHA-Führung instruiert worden waren, auch Juden zu erschießen und dazu quasi einen Freibrief erhielten sowie angewiesen wurden, Pogromen der Einheimischen nicht entgegenzutreten. Dass der Partisaneneinsatz nicht Ursache, sondern FOLGE der deutschen Vernichtungspolitik war, stellt Mommsen eindeutig klar (S. 140). Die Einsatzgruppen gingen in einem Akt der spontanen Selbsermächtigung dazu über, bald alle Juden zu vernichten. Das hatte übrigens nicht nur mit der Partisanen-Entwicklung zu tun, sondern auch damit, dass man nun bereits so viele männliche Juden erschossen hatte, dass man nun auch die nicht arbeitsfähigen Frauen und Kinder als "unnütze Esser" loswerden wollte. Bald wurde daraus ein Massenmord an allen Juden. Damit eskalierte im Grunde der Völkermord - nicht in erster Linie auf der Grundlage objektiver "Zwänge" oder rein zufälliger Entwicklungen, sondern aufgrund eines mörderischen Radikalisierungsprozesses, der ganz wesentlich dem ideologischen Bestreben geschuldet war, eine "radikale Lösung" der "Judenfrage" zu finden. Die mitunter sprunghaften Entwicklungsschübe ändern daran nichts. Der Rezensent möchte uns offensichtlich weismachen, nicht die Deutschen, sondern die Einheimischen (durch Pogrome und Partisanen) seien hauptverantwortlich für die Mordpolitik in der Sowjetunion 1941. Das ist falsch und geschichtsrevisionistisch motiviert: Deutschland soll offenbar entlastet werden.3.) Aus dem Quellenzitat, Hitler habe es verboten, in seiner Anwesenheit von Massentötungen ZU SPRECHEN (S. 191), destilliert der Rezensent die These, Hitler sei möglicherweise nie über die Massenmorde im Allgemeinen informiert gewesen. Diese geschichtsrevisionistische - nicht ohne Grund an David Irving, den Holocaust-Leugner, erinnernde - Argumentation unterschlägt, dass, wie Longerich gezeigt hat, regelmäßig Berichte über die Einsatzgruppentötungen an Hitler gingen und dass Hitler sich regelmäßig das Recht vorbehielt, über das Schicksal der Juden zu entscheiden. Das vom Rezensenten angeführte Lammers-Zitat, wonach dieser die Ansicht wiedergab, Hitler wolle doch eine "Endlösung" bis nach Kriegsende zurückstellen, datiert vor der Wannseekonferenz, passt nicht zu den übrigen (gleich zu zitierenden) Quellen und wird von Mommsen als "Illusion" der Ministerialbürokratie bezeichnet (S. 194). Auch dies unterschlägt der Rezensent.Die rechtsextreme und geschichtsrevisionistische Legende, Hitler habe nichts vom Völkermord "gewusst" ist ein alter Hut, wurde spätestens im "Irving-Lipstadt-Prozess" widerlegt und entbehrt jeder seriösen wissenschaftlichen Grundlage und jeglicher Plausibilität. Am klarsten hat dies vermutlich Peter Longerich in seinem Buch "Der ungeschriebene Befehl. Hitler und die "Endlösung"" herausgearbeitet, das aus einem Gerichtsgutachten gegen Irving hervorgegangen ist. Abgesehen davon, dass solch ein gigantisches Völkermord-Programm in einer "Führer-Diktatur" wie Deutschland (in der Hitler, wie von Longerich in seiner neuesten Hitler-Biographie gezeigt, in alle wichtigen Bereiche persönlich eingriff) niemals ohne Wissen des Diktators hätte stattfinden können (selbst vor der deutschen Bevölkerung konnte man dieses Massenverbrechen ja teilweise nicht geheimhalten), sind auch zahlreiche Äußerungen Hitlers überliefert, die nicht nur dessen WISSEN belegen, sondern auch seine Rolle bei der Verschärfung der Judenpolitik herausstellen:- Bereits im August 1941 gab Goebbels Hitler folgendermaßen wieder: Seine [Hitlers] "Prophezeiung" vom 30. Januar 1939 [eine Rede, in welcher er drohte, im Falle eines neuen Weltkrieges die Vernichtung der Juden folgen zu lassen] "bewahrheitet sich in diesen Wochen und Monaten mit einer fast unheimlich anmutenden Sicherheit." Denn: "Im Osten müssen die Juden die Zeche bezahlen; in Deutschland haben sie sie zum Teil schon bezahlt und werden sie in Zukunft noch mehr bezahlen müssen." - Das musste sich zweifellos auf die Massenmorde der Einsatzgruppen beziehen - und es bestätigt die oben skizzierte Annahme, die Bereitschaft, einen Völkermord in Betracht zu ziehen, sei weit vor der Ausformulierung genauer PLÄNE vorhanden gewesen.(Goebbels, TB, Eintrag vom 20. August 1941)- Daher ist auch im Oktober dieses Jahres aus Hitlers "Monologen im Führerhauptquartier" eine Äußerung Hitlers wiedergegeben, wonach er gesagt habe: "Es ist gut, dass uns der Schrecken vorangeht, dass wir das Judentum ausrotten."(Monologe im Führerhauptquartier, Hamburg 1980, 25. Oktober 1941)- Am 12. Dezember 1941 hielt Hitler eine - von Goebbels in seinen Tagebüchern überlieferte - Rede vor den höchsten Spitzen der Partei (bei der u.a. Goebbels, Himmler, Martin Bormann und hohe Funktionäre der besetzten Ostgebiete anwesend waren), in der er klarmachte, nun, da der Weltkrieg eingetreten sei (mit dem Kriegseintritt der USA) mache er wahr, was er (in der Tat) immer angekündigt habe: Der Weltkrieg müsse die Vernichtung der Juden zur Folge haben. Diese Frage sei ohne Sentimentalität anzugehen.(Goebbels-Tagebücher, Eintrag vom 13.12.1941; abgedruckt in: Elke Fröhlich (Hg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil II, Bd. 2, S. 498 f.)-> Hitler hatte sich scheinbar mittlerweile entschlossen, auf jeden Fall auf den uneingeschränkten Völkermord zu setzen. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine ANWEISUNG Hitlers, dass dies auch allgemein künftig genau so aufzufassen sei. Das bedeutet wie gesagt NICHT, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits ausgearbeitete Pläne gab - aber das Fehlen von Plänen ist auch nicht zu verwechseln mit dem Fehlen einer prinzipiellen ABSICHT. Nicht zuletzt erscheint es alles andere als zufällig, dass sich Hitler hier ausdrücklich auf seine (unter Pkt. 1 und im Zusammenhang mit der ersten zitierten Quelle bereits skizzierte) "Prophezeiung" bezog. Der Weltkrieg war da. Der selbsternannte "Prophet" musste seiner "Prophezeiung" entsprechen. Der Rede vom 30. Januar 1939 kommt also eine weit zentralere Rolle zu, als Mommsen sie ihr zugestehen möchte.- Dies bestätigt sich mit dem Hinweis auf folgende Quelle: Am 24. Februar 1942 ließ Hitler durch den bayerischen Gauleiter Wagner eine Proklamation verlesen, in welcher er sich nochmals überzeugt gab, "meine Prophezeiung wird ihre Erfüllung finden, daß durch diesen Krieg nicht die arische Menschheit vernichtet, sondern der Jude ausgerottet werden wird."(Max Domarus (Hg.), Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Neustadt a.d. Aisch 1963, Bd. 2, S. 1843 ff.)- Gegenüber Goebbels äußerte Hitler einige Tage vorher, am 14. Februar 1942, mit "dem Bolschewismus wird zweifellos auch das Judentum seine große Katastrophe erleben." Er sei "entschlossen [...] rücksichtslos mit den Juden in Europa aufzuräumen."(Goebbels, TB, Eintrag für den 15. Februar 1942)Hitler gab also in teils zentralen Fragen die allgemeine Marschrichtung vor. Er überließ jedoch die Konkretisierung und Exekution dieser Richtung seinen Schergen. Dies belegt (vielleicht am klarsten) folgende Quelle:- So bekannte der Cheforganisator der NS-Vernichtungspolitik, Heinrich Himmler am 28. Juli 1942 in einem Brief, die "Durchführung" des soeben vollendeten Auftrages, die Juden der besetzten Ostgebiete zu vernichten, habe "der Führer auf meine Schultern gelegt."(Institut für Zeitgeschichte München, 626-NO, zit. nach Longerich, Hitler, S. 864)-> Dieser Brief beweist, dass es Teilentscheidungen Hitlers gegeben hat, wohl aber keinen umfassenden Mordplan, sondern eine in Stufen verwirklichte Absicht. Himmler bezog sich hier nämlich ausschließlich auf die osteuropäischen Juden. Die Entscheidung zur Einbeziehung der westeuropäischen Juden folgte beispielsweise kurz zuvor, etwa im Mai 1942, vermutlich ebenfalls auf Anweisung Hitlers.- Himmler leitete denn auch Ende 1942 eine Meldung des Höheren SS- und Polizeiführers Russland-Süd, Prützmann, an Hitler weiter, in welcher Prützmann konstatierte, er habe vom 1. September bis zum 1. Dezember 1942 in seinem Verantwortungsbereich (Ukraine und Bialystok) insgesamt 363 211 "Juden exekutiert." Ein Randvermerk zeigt, dass Hitler diese Information zur Kenntnis nahm.(Institut für Zeitgeschichte, 3392-NO, als Faksimile abgedruckt bei Fleming, Hitler und die Endlösung (dort im Illustrationsteil))- Im April 1943 gibt eine von Landwirtschaftsminister Backe wiedergegebene (und ganz ähnlich von Goebbels aufgezeichnete) Rede Hitlers weiteren Aufschluss: "Judentum muss in Europa ausgerottet werden. Wer sich dem entgegenstellt, muss fallen." (damit spielte er wohl auf die in dieser Hinsicht widerspenstigen Ungarn an).(BA Koblenz N 75/5; zit. nach Christian Gerlach und Götz Aly, Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden 1944/45, Frankfurt a.M. 2004, S. 87 f.)- Auch am 5. Mai in seiner "Sonthofener Rede" erklärte Himmler: "'Die Judenfrage ist in Deutschland und im allgemeinen in den von Deutschland besetzten Gebieten gelöst. ['] Sie mögen mir nachfühlen, wie schwer die Erfüllung dieses mir gegebenen soldatischen Befehls war, den ich befolgt und durchgeführt habe aus Gehorsam und aus vollster Überzeugung." - Wer konnte diesen Befehl schon gegeben haben?(Bradley F. Smith/Agnes F. Peterson (Hrsg.), Heinrich Himmler. Geheimreden 1933-1945, Frankfurt 1974, S. 202)- Darüber hinaus hatte Goebbels am 16. November 1941 einen großen Artikel veröffentlicht, in welchem er - unter ausdrücklicher Berufung auf Hitler - den gegenwärtigen "Vollzug" von Hitlers (oben erwähnter) Vernichtungsdrohung gegen die europäischen Juden konstatierte. Wäre dies nicht im Sinne Hitlers gewesen, hätte dies sicherlich Folgen gehabt - und hätte Hitler "nichts gewusst", wäre dies spätestens dann anders gewesen. Indessen ging die Vernichtung weiter....(=> Man sieht: Es existiert eine Fülle an Quellen, um geschichtsrevisionistische Legenden zu widerlegen. Es ist dies ein eindeutiger Beweis dafür, dass die Geschichtsrevisionisten sich langsam mal überlegen könnten, einzupacken: Kein Thema ist so gut erforscht wie der Holocaust und der Nationalsozialismus.)Hinter den wichtigsten antisemitischen Maßnahmen stand Hitler, der auch bei vielen wichtigen Entscheidungen die Initiative ergriff oder zumindest eine zentrale Rolle einnahm. Hitler trieb die "Endlösung" durch die erwähnten Äußerungen, aber auch durch Teilentscheidungen, voran und wusste selbstverständlich davon - da sind sich Longerich, Ulrich Herbert, Christian Gerlach, Ian Kershaw usw. einig. Insbesondere Longerich hat dies in seinem Buch über "Hitler und die "Endlösung"" quellenfundierter als ich es eben getan habe und an verschiedenen Beispielen klar herausgearbeitet und gezeigt, dass sich Hitler über die "Arbeit" der Einsatzgruppen laufend informieren ließ, die Deportation der deutschen Juden anordnete und wichtige Teilentscheidungen zur Beschleunigung der "Endlösung" in Polen, Frankreich und anderswo traf.FAZIT:- MOMMSEN: Deutung ist nicht unumstritten.- REZENSION: verzerrt den Text - offenbar bewusst.- HITLERS ROLLE: Hitler WUSSTE vom Holocaust; er BILLIGTE ihn, er TRIEB DAZU AN. Wie stark man seine Rolle im Entscheidungsprozess nun gewichten muss, sei dabei dahingestellt.

  • Edgar Dahl
    2019-02-21 18:56

    Wir sind es gewohnt, wie selbstverständlich davon auszugehen, dass der Holocaust durch einen persönlichen Befehl Adolf Hitlers angeordnet wurde. In seinem neuen Buch „Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa“ bezeichnet der bekannte deutsche Historiker Hans Mommsen diese Vorstellung als falsch. Nach Mommsen hat es nie einen „Führerbefehl“ zum Völkermord an den Juden gegeben:„Es besteht Einigkeit in der Forschung, dass es einen umfassenden Befehl zur Durchführung der totalen Liquidierung nicht gegeben hat.“ (S. 10)Wenn Hitler den Holocaust nicht befohlen hatte, wie konnte er denn aber trotzdem stattfinden? Genau dies ist die Frage, der Mommsen in seinem aktuellen Buch nachgeht. Auf 235 Seiten erklärt er, wie es auch ohne einen direkten Erlass durch Adolf Hitler zur Ermordung von etwa 6 Millionen Juden kommen konnte.Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, besaß er noch keinen genauen Plan für das Schicksal der deutschen Juden. In Übereinstimmung mit dem 25-Punkte-Programm der NSDAP wollte er zunächst nur den „jüdischen Einfluss“ auf die deutsche Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur eindämmen. Nachdem sich mehr und mehr Juden auf Grund der antisemitischen Gesetze gezwungen sahen, Deutschland zu verlassen, erhoffte sich Hitler die „Lösung der Judenfrage“ von der freiwilligen Ausreise. Seine Hoffnung schien sich zunächst auch zu erfüllen: Bis zum Jahr 1939 hatten fast zwei Drittel der etwa 500.000 in Deutschland lebenden Juden das Land verlassen. (S. 111)Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gerieten jedoch schon bald Millionen neuer Juden in den deutschen Herrschaftsbereich. Allein in Polen fielen den Nazis bereits drei Millionen weiterer Juden in die Hände. Um sich dieser Juden zu entledigen, stimmte Hitler dem um die Jahrhundertwende bereits von einigen Polen, Franzosen, Holländern und Engländern erwogenen Madagaskar-Plan zu: Die europäischen Juden sollten auf die im französischen Besitz befindliche Insel Madagaskar verschifft werden. (S. 123) Da die Seewege durch die britische Flotte versperrt waren, kam es jedoch nie zur Ausführung dieses Plans.Mit dem am 22. Juni 1941 erfolgten Feldzug gegen die Sowjetunion schien sich aber schon bald eine Alternative zu eröffnen. Statt die Juden nach Madagaskar zu verschiffen, sollten sie nun „hinter den Ural“ verbannt werden. (S. 131) Um sie unterzubringen, wollte man sich der von Stalin errichteten Gulags in Sibirien bedienen. (S. 181)Obgleich geplant war, die Juden ab Spätherbst 1941 jenseits des Urals anzusiedeln, nahmen die Ereignisse, die wir heute als Holocaust bezeichnen, doch bereits im Frühsommer 1941 ihren Anfang. Auslöser waren dabei ausgerechnet die von der einheimischen Bevölkerung durchgeführten Pogrome. Bereits vor dem Eintreffen der deutschen Truppen verübten Litauer, Letten und Ukrainer Massaker an der jüdischen Bevölkerung. (S. 137) Diese Blutbäder wurden als Rache für die von Stalin begangenen Verbrechen betrachtet. (S. 139) Offenbar setzte also auch die einheimische Bevölkerung „die Juden“ automatisch mit „den Bolschewisten“ gleich.Mit dem vom Kreml befohlenen Partisanenkrieg begannen ab August 1941 dann auch die vom Reichssicherheitshauptamt aufgestellten Einsatzgruppen die ersten Verbrechen an der jüdischen Zivilbevölkerung: „Ohne nach den Urhebern zu fragen, gewöhnten sich die Sicherheitskräfte daran, jeden Vorfall, der als Angriff auf die Truppe gewertet werden konnte, mit der Forderung nach ‚Sühneleistungen’ der jüdischen Bevölkerung zu beantworten, und so nahmen die Massenerschießungen ihren Anfang.“ (S. 140)Während der Nürnberger Prozesse hatte der Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf behauptet, dass die Erschießungen auf ausdrücklichen Befehl des Führers erfolgt seien. Mommsen weist dies als reine „Schutzbehauptung“ zurück: „Von einem Führerbefehl kann keine Rede sein und ebenso wenig von einer mündlichen Ermächtigung zur Liquidierung von jüdischen Frauen und Kindern.“ (S. 138) Die Massentötungen fanden vielmehr in einem „Prozess der Selbstermächtigung“ statt. (S. 138) Die Einsatzgruppen gingen eigenmächtig von der Erschießung von Kommissaren und Partisanen zur Tötung von Frauen und Kindern über.Die größte Mordaktion war das berüchtigte Massaker von Babi Jar. Als Vergeltung für einen Anschlag auf die Wehrmacht wurden am 29. und 30. September 1941 vor den Toren Kiews innerhalb von nur 36 Stunden 33.771 Juden mit Maschinengewehren niedergemäht. (S. 144)Wie Mommsen betont, betrachteten die Einsatzgruppen die Tötung der Juden keineswegs als einen Widerspruch zur Umsiedlung der Juden. Im Vorgriff auf die auch weiterhin geplante Abschiebung hinter den Ural sollte die jüdische Bevölkerung aber dezimiert werden. (S. 140)Mommsen beschreibt recht anschaulich, wie es im Zuge der Besetzung der Sowjetunion zu einer immer größer werdenden Abstumpfung und Verrohung unter den Mitgliedern der Einsatzgruppen kam. Ihrer Lebensgrundlage beraubt, erschienen die Juden zunehmend verwahrlost und zogen bettelnd durch die Straßen. Ihr Anblick verstärkte die „allgemeinen Ressentiments gegen Juden als ‚überflüssige Esser’ und die Tendenz, sie aus dem Wege zu schaffen oder wenigstens den Teil der jüdischen Bevölkerung, der als nicht arbeitsfähig galt, darunter Frauen und Kinder, einfach zu beseitigen.“ (S. 148)„Diese Faktoren“, schreibt Mommsen weiter, „helfen zu erklären, warum selbst diejenigen, die nicht in den Bann des nationalsozialistischen Rassismus geraten waren, auf die grausame Behandlung der Juden, die sich vor ihren Augen abspielte, mit moralischer Indifferenz reagierten. Dass die einheimische Bevölkerung sich passiv verhielt und namentlich in den baltischen Ländern und in der Ukraine mit den Verfolgern sympathisierte, erleichterte die Verfolgung.“ (S. 148)Mit dem Russlandfeldzug begann eine wahre Völkerverschiebung. Volksdeutsche aus Litauen, Lettland, Galizien, Wolhynien, Bessarabien, der Bukowina und dem Wolgagebiet drängten in das Reich. Um diese Deutschen anzusiedeln, wurden die Juden ausgesiedelt. Man pferchte sie kurzerhand in Ghettos bei Lodz und Lublin. Beide Lager waren zunächst als bloße „Durchgangslager“ gedacht. Sie sollten zum vorübergehenden Aufenthalt der Juden dienen, bis sie „in den Osten“ abgeschoben werden konnten.Hitler hatte gehofft, die Sowjetunion in einem Blitzkrieg bezwingen zu können. Als der für den Oktober 1941 erwartete Sieg ausblieb, musste der Plan, die Juden hinter den Ural zu deportieren, zumindest vorläufig aufgegeben werden.Zwischenzeitlich waren die als Durchgangslager geplanten Ghettos von Lodz und Lublin jedoch hoffnungslos überfüllt. „Da das beschlagnahmte jüdische Vermögen nicht ausreichte, um die Lebenshaltungskosten sicherzustellen“ (S. 165), meldete SS-Sturmbannführer Heinz Höppner an das Reichssicherheitshauptamt nach Berlin:„Es besteht in diesem Winter die Gefahr, daß die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnell wirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“ (S. 162)Als es in den Ghettos zusätzlich zum Ausbruch von Fleckfieber kam, wurden dann tatsächlich Mitarbeiter der früheren Aktion T4, also des im August 1941 abgebrochenen „Euthanasie-Programms“, zur Tötung arbeitsunfähiger Juden durch Giftgas angefordert. (S. 163)Nachdem man auf diese Weise wieder Platz in den Ghettos geschaffen hatte, erfolgte ab März 1942 dann auch die Deportation der deutschen und österreichischen Juden. „Viele von ihnen“, schreibt Mommsen, „kamen wegen Hunger und Epidemien innerhalb von wenigen Wochen um. Ein umfassender Mordbefehl lag gleichwohl nicht vor.“ (S. 168)Nach Aussage des Chefs der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers habe „der Führer ihm wiederholt erklärt, dass er die Lösung der Judenfrage bis nach dem Krieg zurückgestellt wissen wollte.“ (S. 194) Dennoch kam es ab 1942 zum Bau der ersten Vernichtungslager.„Die Errichtung der ersten Vernichtungslager“, schreibt Mommsen, „wurde mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, ‚unnütze Esser’, die man ohnehin nicht versorgen konnte und die unfähig zu produktiver Arbeit waren, zu ‚beseitigen’.“ (S. 184)In Auschwitz, dem bekanntesten Konzentrationslager, begann man im November 1942 „mit der Erprobung neuer Vergasungsmethoden unter Verwendung von Zyklon B, wobei als Opfer zunächst an sowjetische Kriegsgefangene und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge gedacht war.“ (S. 166) Im Frühjahr 1943 wurden dann die eigens bei der Firma Topf & Söhne bestellten Krematorien in Auschwitz-Birkenau in Betrieb genommen.Nach eigenem Bekunden hat sich der Standortarzt von Auschwitz, Dr. Eduard Wirths, bei den nur widerwillig von ihm durchgeführten Selektionen auf der Rampe immer wieder gesagt: „Wenn das der Führer wüßte!“ Kann es sein, dass Hitler möglicherweise nie von den Gaskammern von Auschwitz erfahren hat?Mommsen geht dieser Frage nicht nach. Nach der Lektüre seines Buches drängt sich diese Vermutung jedoch geradezu auf. Wie Mommsen schreibt, hatte Hitler es ausdrücklich verboten, in seiner Gegenwart von Massentötungen zu sprechen. (S. 191) Wenn Hitler aber schon nicht bereit war, sich von den von ihm selbst befohlenen Tötungen an Kommissaren und Partisanen berichten zu lassen, wird man ihn über die eigenmächtig befohlenen Tötungen an Frauen und Kindern sehr wahrscheinlich nie informiert haben. Hinzu kommt, dass die Ereignisse, die wir heute als Holocaust bezeichnen, eindeutig Hitlers Befehl widersprachen, die „Judenfrage“ erst nach dem „Endsieg“ anzugehen.